Mein 2. Geburtstag

Mein 2. Geburtstag

18. Mai 2012: Mein Kumpel Lorbass und ich waren mit dem Rad in Griechenland von Grevena nach Thessaloniki unterwegs . Nach dem gestrigen verregneten Tag waren wir heute Morgen pünktlich und erholt losgekommen. Der Weg war verhältnismäßig eben. Keine so anstrengenden Steigungen wie gestern. Es blieb trocken aber kühl, anders als wir uns Griechenland vorgestellt hatten. Gegen Abend wollten wir 100 km gefahren sein, mit einem 1300-er kurz vor dem Etappenziel. 1300 Höhenmeter waren inzwischen kein wirkliches Hindernis. Wir stampften ohne Pause den Pass hoch und gönnten uns auf dem Kamm eine heiße Lammsuppe mit Cola. Anschließend wollten wir genüsslich den ganzen Berg, ca. dreizehn Kilometer, bergab fahren.

Alles war normal. Alle paar Sekunden bremsten wir in Intervallen, um nicht zu schnell zu werden. Trotzdem fuhr ich ungewohnt schnell zu meinem Mitfahrer auf. Ich realisierte, dass die Bremsen irgendwie nicht mehr richtig verzögerten! Schon überholte ich Lorbass mit erheblich höherer Geschwindigkeit und löste wegen des Tempos bei meinem Mitstreiter nur Kopfschütteln aus. Ich versuchte, die Füße auf den Boden zu bringen, um die Geschwindigkeit ein wenig abzubremsen. Aber sie wurden mir unter dem Körper weggerissen und ich hatte alle Mühe, nicht ins Trudeln zu kommen. Eine solche Situation hatte ich bisher nur in typischen Actionfilmen gesehen – dort bremst der Fahrer das Auto, indem er an der Wand entlang schleift und so das Auto zum Stoppen bringt – aber mit dem Fahrrad?

In rauschender Fahrt schoss ich die Abfahrt hinunter. Rechts und links war die Straße von einer kleinen Mauer begrenzt, sodass ich die Straße nicht kontrolliert verlassen konnte. Bei einem kurzen Blick auf den Tacho zeigt dieser inzwischen eine Geschwindigkeit von 70 km(!). Ich hoffte immer noch, dass ich die Straße irgendwo in einer Ausfahrt oder in einem Schotterbett verlassen konnte und raste bergab. Trotz des hohen Tempos suchte ich den Straßenrand nach irgendwelchen Ausfahrten ab. Bei jeder Kehre versuchte ich über den Abgrund zu sehen und meine Sturzmöglichkeiten einzuschätzen. Ich machte mich möglichst groß, in der Hoffnung, durch den höheren Luftwiderstand die Geschwindigkeit zu reduzieren.

Nach einer weiteren Kehre habe ich sogar die Handbremse manipuliert, um noch mehr Bremswirkung zu erzielen. Im Nachhinein wunderte ich mich, wie logisch und überlegt ich mich noch mit der Situation auseinandergesetzt habe, wenngleich meine Gedanken sich wohl nur in Bruchteilen von Sekunden abspielten. Ich raste mit unheimlichem Tempo die Abfahrt hinunter. Ich realisierte, dass mich ein voll besetztes Auto noch bei diesem Tempo überholte. Vier bewundernd applaudierende Jugendliche überholten mich auf einem kleinen Flachstück, um dann wieder quietschend vor der nächsten Kurve abzubremsen. In diesem Moment habe ich ganz bewusst ein Stoßgebet herausgepresst. Ich ahnte, dass eine der nächsten Kehren das Ende für mich bedeutete. Ich meine, vier bis fünf Kehren habe ich noch geschafft.

Ich hatte Angst vor einem entgegenkommenden Auto. Wie und auf welcher Seite sollte ich das Auto passieren? Ich raste inzwischen in der Mitte der Straße, um alle Kehren und Kurven voll ausfahren zu können. Ich konnte gar nicht glauben, dass die Reifen in den Kurven noch immer auf den Felgen hielten. 30 kg Gepäck pressten mich in die Kurven – ich glaubte, mit der Schulter die Erde zu streifen. Ich rechnete mir auch nicht mehr aus, noch mehrere Kurven durchfahren zu können. Die nächste Kurve schien mir geeignet zu sein, um mich direkt in der Kurve hinzuwerfen und mit den Rädern voran gegen die Seitenmauer zu rutschen.

Es knallte, ich weiß noch, dass der Erdboden rasend schnell auf mich zukam. Ich spürte einen scharfen leichten Schmerz am linken Unterschenkel – als wenn mich jemand mit einem scharfen Gegenstand kratzt. Ich hörte ein Knacken am Kopf – dann fand ich mich genau zwischen zwei hohen Felsblöcken auf dem Boden liegend.

Mein linkes Bein war unter mir eingeknickt. Aber ich konnte denken, ich spürte meine Hände, meine Beine. Ich befreite mein linkes Bein unter meinem Körper – und sah auf einen tiefen langen Riss am linken Unterschenkel. Ich konnte meinen weißen Schienbeinknochen gut sehen. Die Wunde klaffte deutlich auseinander – es blutete stark – aber außer ein paar kleinen Schürfwunden hatte ich offensichtlich keine weiteren Verletzungen.

Der Fahrradreifen hörte langsam auf zu zischen. Wenige Sekunden später hielt ein Auto – welches mir entgegengekommen war. Wie wäre ich daran vorbeigekommen, wenn ich diese Kurve noch geschafft hätte?
Die Fahrerin, eine Griechin mit exzellenten Deutschkenntnissen vom Studium in Deutschland, und ihre Begleiter stiegen aus und wollten mir helfen. Sie konnten meine klaffende Blutverletzung nicht ansehen und warfen mir eine Rolle Toilettenpapier zu.

Ich drückte damit die Wunde zu und legte mich in die „Schocklage“ – die griechische Frau konnte die Polizei und den Rettungsdienst zu meiner Unglücksstelle dirigieren – ich hätte es nicht genau beschreiben können, erst recht nicht auf Griechisch. Während der gesamten Wartezeit war ich am Organisieren. Ich wollte mich beschäftigen, um nicht ohnmächtig zu werden. Ich wusste nicht, ob die Helfer reagieren könnten. Ich fing an zu zittern. Ich drehte mich am Berg selbst um, um den Kopf noch tiefer zu bekommen und die Beine gegen den Berg zu richten.

Wir warteten ca. 30 Minuten, bis der Krankenwagen kam und ich im Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wurde. Der Fahrer erkundigte sich mehrfach auf Englisch: “It’s all okay?” “Yes – all okay”, antwortete ich.
Da der Rettungswagen kontinuierlich bergab fuhr, lagen meine Beine höher als mein Kopf. Obwohl ich angeschnallt war, musste ich mich krampfhaft festhalten, damit ich nicht im Rettungswagen von der Trage fiel.
Die Ärzte im Krankenhaus hatten mich sehr genau untersucht und konnten sich nicht vorstellen, dass mir nicht mehr passiert war. Keine Rippenbrüche, keine Kopfverletzungen etc. Ich war nicht bewusstlos gewesen.

In einer einstündigen Operation versorgte man noch in der Nacht die tiefe Wunde am linken Unterschenkel.

Mein Krankenzimmer in Veria

Den 18. Mai begehe ich noch heute ganz bewusst als meinen zweiten Geburtstag! Es ist mir sehr klar geworden, dass ich sehr vielen Schutzengeln danken muss, die bei dieser Abfahrt Hand in Hand zusammengearbeitet haben müssen. So viel Glück, wie ich hatte, kann es eigentlich nicht geben.

Ein besonderer Punkt in meinem Leben und es ist eine Schlüsselstelle in meinem Buch: „Die außergewöhnlichen Radtouren eines Bürokraten”.


Ich setzte meine Reise nach Jerusalem ab der Unfallstelle in Richtung Istanbul fort. Startpunkt sollte die Unfallstelle am Pass von Kastanéa sein –

Ein Gedanke zu „Mein 2. Geburtstag

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