„Der Sonne entgegen“

„Der Sonne entgegen“

Diese besondere Radtour gehörte länger als 10 Jahre zu unserem jährlichen ADFC Tourenangebot. “Der Sonne entgegen”- das klingt fast ein wenig sentimental. Vielleicht sogar ein wenig schnulzig?! Dabei hat der Titel der Tour einen durchaus realen Hintergrund.
Aus meinen Erfahrungen als “Randonneur” kommen die Erinnerungen mit den Nachtfahrten. Es war immer ein ganz besonderes Erlebnis, nachts mit dem Rad zu fahren. Die Kühle der Nacht auf der Haut, die Ruhe und Stille rings umher, der wenige Straßenverkehr, die Einsamkeit und das Alleinsein, fokussiert auf den Lichtkegel eines Fahrrades in der Nacht. Immer wieder seltsame oder laute Geräusche aus den Gaststätten und Kneipen, wenn man durch einen Ort fährt. Die fehlende Ablenkung unterwegs.

Randonneur: (von franz. Wanderer) ist die unter Radfahrern gebräuchliche Bezeichnung für einen Langstreckenradfahrer, der große Distanzen (ab 200 km) in zumeist sportlichem Tempo, mit nur geringen Pausen und möglichst autark zurücklegt.

Erinnerungen an Brevets

Bei den Brevets, die ich noch vor einigen Jahren mitfuhr, waren mir die Nachtfahrten am “nachhaltigsten” in Erinnerung geblieben. Zumindest die Touren ab 400 km konnte man nicht absolvieren, ohne eine längere Zeit, häufig auch allein, durch die Dunkelheit der Nacht zu radeln. Immer wieder eine ganz besondere Herausforderung. Sicherlich war mein Fahrrad mit einer guten Lichtanlage ausgestattet, ich war gut trainiert, mein Rad war technisch in Ordnung, und ich fühlte mich fit. Doch selbst wenn das Wetter trocken und vielleicht sogar auch nachts angenehm warm war, konnte eine solche Tour eine größere Herausforderung sein, als alle anderen üblichen Strecken, die man über Tag absolvierte. War man der Natur anders ausgesetzt? War es eine Angst, die man spürte, wenn man nachts unterwegs ist?!

Brevet: Der Begriff Brevet (franz. für „Prüfung“) wird mindestens seit 1921 im Zusammenhang mit Langstreckenfahrten verwendet, die nach dem Reglement des Audax Club Parisien ausgerichtet werden. Er bezeichnet eine „Kilometerprüfung“, auf der ein Radfahrer zeigt, dass er eine vorgegebene Strecke aus eigenen Kräften innerhalb eines festgelegten Zeitraums ohne fremde Hilfe zurücklegen kann.

Die Geräusche der Natur

Aber ich empfand auch immer ein ganz besonderes Wohlgefühl, wenn ich wieder einmal eine solche Nacht-Unternehmung überstanden hatte. Wie eine Prüfung, die man erfolgreich absolviert hatte. Ein ganz besonderes Erlebnis ist jeweils das Erwachen der Natur. Irgendwann, wenn sich der alte Tag zwar schon in seine Dunkelheit verabschiedet hat, verbleiben nur die Geräusche der Vögel und die selbst erzeugten Fahrradgeräusche als Erinnerung an den Tag. Und dann kommt irgendwann die Stille, die erkennen lässt, dass auch die Vögel sich zur Ruhe begeben haben. Und nur wenige Minuten später schwellen die soeben noch verstummten Vogelgeräusche wieder an. Ich bin mir sicher, dass es nicht dieselben Vögel sind, die jetzt diesen Lärm verursachen. Ein Gefühl von Naturverbundenheit, und dieses besondere Wohlgefühl – vielleicht in etwas komprimierter Form – wollte ich auch anderen Radfahrern vermitteln. Und so wurde diese Tour geboren.

ADFC Tourenplan aus 2011 🙂

Mittsommer in der Niedergrafschaft

Heute, an einem Sonntag, immer rund um den 20. Juni (Mittsommer in den nordischen Ländern) haben wir einen der längsten Tage des Jahres. Unsere Gruppe von ca. 20 Radfahrern startet schon um 04:30 Uhr an unserem üblichen Sammelpunkt in Neuenhaus. Der Sonnenaufgang wird kurz nach 05:00 Uhr erwartet. Es ist noch frisch. Man spürt noch die Nacht. Es ist noch nicht lange her, dass man im Bett gelegen und sich jetzt einfach gerne nur herumgedreht hätte. Wir radeln bei Dunkelheit in westliche Richtung mit dem Hintergedanken, auf dem Rückweg wieder ´gen Osten zu radeln. Dann bekommen wir die aufgehende, wärmende Morgensonne ins Gesicht.
Es wird Morgen. Wie wir eine Buchseite umschlagen, öffnen sich neue Themen, ordnen sich neue Erkenntnisse. Auf einmal ist man nicht mehr müde und kaputt, sondern nur – noch nicht ganz wach.

Ein herrlicher Tagesbeginn

Im Gemeindehaus der katholischen Kirche in Neuenhaus habe ich bereits gestern für die angemeldete Personenzahl eingedeckt. Es gibt heißen Kaffee. Meine Frau hatte schon während unserer Tour Brötchen aufgebacken und an unserer Haustür zur Mitnahme bereitgestellt. So zauberte ich noch einmal strahlende Augen und Vorfreude in die Gesichter meiner Mitradler, wenn ich die duftenden Brötchen aus der Satteltasche zog. Gemeinsam haben wir diese Stimmung des neuen Tages genossen. Nie ist ein Frühstück so lecker und wohltuend wie nach solch einer Tour!
Und selbst, wenn der ein oder andere im Anschluss an dieses Frühstück noch wieder ins Bett kroch, war das ein herrlicher Tagesbeginn. Nur eben: „anders – aber besser”!

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