Mehr Platz für Spezialräder – und warum das uns alle betrifft
Hand aufs Herz: Wenn wir das Wort „Spezialrad“ hören, denken viele zuerst an Menschen mit einer Behinderung. An ein Dreirad, das mehr Unterstützung bietet oder an ein Therapierad. Das ist verständlich – aber es greift heute viel zu kurz. Denn Spezialräder sind längst mitten im Alltag angekommen. Und zwar nicht nur bei Menschen, die darauf angewiesen sind. Sie werden von Familien genutzt, von Senioren, von Pendlern, von Handwerkern, von Reiseradlern und von Menschen, die einfach entspannter oder sicherer unterwegs sein möchten. Vielleicht ist das größte Missverständnis überhaupt, dass Spezialräder etwas für “die anderen” seien. Dabei sind sie es nicht!
Die Spezialräder stehen längst vor unserer Haustür
Schauen wir uns doch einmal bewußt um. Da fährt eine Mutter mit einem Lastenrad und zwei Kindern zur Kita. Dahinter zieht jemand einen Fahrradanhänger voller Getränkekisten oder auch mit seinem Hund nach Hause. Ein älteres Ehepaar ist mit einem Liegedreirad unterwegs. Ein anderer Radfahrer transportiert Campingausrüstung für den nächsten Urlaub. Alle nutzen unterschiedliche Fahrräder. Alle haben unterschiedliche Bedürfnisse und alle gehören zum normalen Straßenbild.
Der Begriff Mehrspurräder fasst dabei viele dieser Fahrzeuge zusammen. Dazu gehören klassische Dreiräder, Liegedreiräder, Lastenräder oder andere Spezialräder mit mehr als zwei Rädern. Hinzu kommen Gespanne mit Anhängern, die ebenfalls mehr Platz benötigen als ein gewöhnliches Fahrrad.
Warum entscheiden sich Menschen für ein Spezialrad?
Nicht jeder fährt ein Spezialrad, weil er muss. Viele fahren eines, weil sie es möchten: Das Lastenrad ersetzt womöglich das Zweitauto, der Fahrradanhänger macht den Wochenendeinkauf einfacher, das Liege-Zwei- oder Dreirad schont Rücken und Gelenke. Ein Velomobil ist vielleicht die bewusste Entscheidung auf ein Auto zu verzichten und mindestens sehr schnell längere Strecken zu überbrücken. Und das sogar ohne elektronischen Antrieb. Ein Dreirad vermittelt Sicherheit, wenn das Gleichgewicht nicht mehr ganz so perfekt ist wie mit zwanzig.
Und manche entdecken einfach den Fahrspaß. Wer einmal mit einem Liegedreirad durch die Landschaft gerollt ist, weiß: Man sieht die Welt plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive. Ich selbst habe über 10 Jahre parallel ein Liege-Dreirad und ein Liegezweirad gefahren – nicht weil ich es musste, sondern weil es mir Spaß machte. Ich fahre regelmäßig mit dem Tandem, weil es auf einem engen Radweg keinen Streß verursacht, wenn uns andere Fahrräder entgegenkommen. Ich muss nicht plötzlich vorfahren oder abbremsen. Und gleichzeitig habe ich immer den idealen Abstand für ein Gespräch mit meiner Beifahrerin. Und unterschiedliche Geschwindigkeitswünsche gibt es nicht für uns.

Inklusion beginnt nicht erst beim Rollstuhl
Natürlich sind Spezialräder ein wichtiges Thema für Menschen mit Einschränkungen. Für viele bedeuten sie ein Stück Selbstständigkeit, Freiheit und Lebensqualität. Aber Inklusion funktioniert nur dann richtig gut, wenn wir nicht ständig zwischen “normal” und “besonders” unterscheiden.
„Es ist normal, verschieden zu sein“. (Song von Kurt Mikula)
Ein Radweg, der für ein Dreirad geeignet ist, funktioniert auch für Eltern mit Kinderanhänger. Ein breiter Pollerabstand hilft ebenso dem Lastenrad. Eine großzügige Abstellanlage freut auch den Besitzer eines teuren Cargo-Bikes. Was für den einen notwendig ist, macht den Alltag für viele andere angenehmer. Genau das ist Inklusion!
Unsere Infrastruktur stammt oft aus einer anderen Zeit – noch ohne Spezialräder
Viele Radwege wurden geplant, als das klassische Hollandrad das Maß aller Dinge war. Damals dachte kaum jemand an Lastenräder, Trikes oder Fahrradanhänger. Heute sieht die Welt anders aus. Die Fahrräder werden vielfältiger. Die Einsatzzwecke ebenfalls. Nur die Infrastruktur hat vielerorts noch Nachholbedarf.
Da stehen Poller so dicht, dass ein Lastenrad nur mit Rangieren hindurchpasst. Umlaufsperren wirken manchmal wie ein Geschicklichkeitsparcours. Radabstellanlagen die auch am Supermarkt ein Lastenrad aufnehmen, sind entweder garnicht vorhanden oder so eng gebaut, dass schon ein normales Trekkingrad Schwierigkeiten hat. Und wer mit einem Anhänger unterwegs ist, kennt das kleine Stoßgebet vor jeder engen Kurve: “Bitte lass das diesmal passen.”
Das kennen wir doch irgendwoher
Eigentlich erleben wir gerade etwas, das Autofahrer längst vorgemacht haben. Autos sind in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden. SUVs und Vans beanspruchen deutlich mehr Platz als früher ein Käfer oder ein Kleinwagen. Darauf wurde reagiert. Parkplätze wurden verbreitert. Parkhäuser angepasst. Straßen verändert. Beim Radverkehr stehen wir heute an einem ähnlichen Punkt. Nicht jedes Fahrrad ist noch 60 Zentimeter schmal und zwei Meter lang. Und das ist auch gut so.
Mehr Platz bedeutet nicht weniger Lebensqualität
Manchmal wird so getan, als würde jeder zusätzliche Zentimeter Radweg jemandem etwas wegnehmen. Dabei lohnt sich ein anderer Blick. Breitere Wege schaffen mehr Sicherheit. Mehr Abstand reduziert Konflikte. Überholen wird entspannter. Kinder können sicherer fahren. Menschen mit Dreirädern müssen keine Slalomkurse mehr absolvieren. Und wer schon einmal versucht hat, mit einem Lastenrad zwischen parkenden Autos und einem zu schmalen Radweg zu balancieren, weiß: Ein paar zusätzliche Zentimeter können den Unterschied zwischen Stress und Fahrspaß ausmachen.
Und übrigens: Mehr Radfahrer bedeuten einfach weniger Autos auf den ohnehin schon stark belasteten Straßen.
Planung für alle – statt Planung für den Durchschnitt
Die beste Infrastruktur orientiert sich nicht am kleinsten gemeinsamen Nenner. Sie orientiert sich an den Menschen. An den Kindern, Senioren, Menschen mit Behinderungen, An Familien, an Lieferdiensten oder auch an Reiseradlern. Und eben auch an den vielen unterschiedlichen Fahrrädern.
Wer heute neu plant, sollte deshalb nicht nur an das klassische Zweirad denken. Die Vielfalt auf unseren Straßen wächst – und das ist eigentlich eine gute Nachricht. Denn sie zeigt, dass immer mehr Menschen das Fahrrad für ihren Alltag entdecken. Das gilt besonders in unserer Region. Hier in der Grafschaft Bentheim wird drei Mal so viel Fahrrad gefahren, wie im Bundesdurchschnitt und doppelt soviel wie im Landesdurchschnitt.
Vielleicht fahren wir morgen selbst ein Spezialrad






Manchmal ändern sich die Bedürfnisse schneller als gedacht. Heute fährt man noch ein Trekkingrad. Morgen kommt ein Kinderanhänger dazu. In ein paar Jahren vielleicht ein Lastenrad. Oder irgendwann ein Dreirad, weil es einfach bequemer und sicherer ist. Niemand weiß das. Deshalb sollten wir Infrastruktur nicht für einzelne Gruppen bauen, sondern für alle.
Denn gute Radwege erkennen kein Alter, keine Behinderung und keinen Fahrradtyp. Sie funktionieren einfach. Und vielleicht liegt genau darin die Zukunft: nicht in Radwegen für Spezialräder, sondern in Radwegen, auf denen Spezialräder gar nichts Besonderes mehr sind.
Das wäre doch eigentlich ein schönes Ziel. Und ganz nebenbei würden wir feststellen, dass Inklusion manchmal gar kein großes Wort braucht. Manchmal reicht einfach ein Radweg, auf dem jeder problemlos durchkommt – ganz ohne akrobatische Einlagen zwischen Pollern, Bordsteinen und zu engen Kurven. Und seien wir ehrlich: Wenn am Ende sogar der Wochenendeinkauf im Lastenrad entspannter nach Hause rollt, haben wir doch alle etwas gewonnen.
Zeigen Sie mir ein Problem dieser Welt und ich gebe Ihnen das Fahrrad als Teil der Lösung. (Mike Sinyard, Amerikanischer Fahrradbauer, * 1950)
Mich würde insbesondere Deine Meinung zu diesem Thema interessieren, wenn Du auch ein „Spezialrad“ nutzt. Würdest Du gerne mehr Unterstützung als Nutzer eines „Spezialrads“ erfahren?