Wenn einer eine Reise tut … und der Flughafen nervös wird

Wenn einer eine Reise tut … und der Flughafen nervös wird

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Diese alte Weisheit sollte sich schon vor unserem Abflug nach Riga bewahrheiten.

Gut, dass wir frühzeitig am Flughafen waren. Obwohl wir uns gründlich vorbereitet und bereits online eingecheckt hatten, sollten wir die zusätzliche Zeit noch brauchen.

„Sie können gleich zur Sicherheitskontrolle gehen“, erklärte uns ein freundlicher Mitarbeiter. Na, das fing doch gut an.

Ich hatte mich ebenfalls vorbereitet. Alle technischen Geräte – Handy, Tablet und die dazugehörigen Ladekabel – steckten ordentlich in einer separaten kleinen Netztasche. Schließlich wollte ich den Sicherheitsleuten die Arbeit erleichtern. Kein langes Suchen, kein Rätselraten, was sich da alles im Rucksack verbarg.

Doch dann stockte das Förderband. Mein Rucksack war beim Durchleuchten offenbar interessanter als erwartet.

Zunächst bemerkte ich nur einige ungewöhnliche Blicke. Dann wurden die Gesichter ernster. Mehrere bewaffnete Polizeibeamte bezogen in geringem Abstand Stellung. Plötzlich war ich nicht mehr einfach ein älterer Herr auf dem Weg in den Urlaub, sondern offenbar jemand, bei dem man genauer hinschauen musste.

Man fragte mich nach den elektronischen Geräten, die ich mitführte. Ich zählte auf, was mir einfiel. Doch nach und nach musste ich immer mehr technisches Zubehör einräumen, das sich in meinem Rucksack befand. Meine Personalien wurden aufgenommen, und offenbar glich man meine Daten telefonisch mit einer anderen Stelle ab.

Meine Versuche, die Zusammensetzung meines technischen Reisegepäcks zu erklären, stießen auf wenig Begeisterung. Ich durfte mich dem Rucksack nicht einmal mit den Händen nähern. Das Ganze wurde zunehmend ungemütlich. Wer schon einmal versucht hat, seine Unschuld zu beweisen, ohne genau zu wissen, was ihm eigentlich vorgeworfen wird, kann sich vielleicht vorstellen, wie ich mich fühlte.

Schließlich wurde vorsichtig meine kleine „Elektrotasche“ entleert. Und siehe da: Zwischen den Kabeln und Adaptern kam ein Gerät zum Vorschein, das offenbar den entscheidenden Verdacht ausgelöst hatte. Es handelte sich um einen Adapter, den ich einmal als Werbegeschenk vom Beamtenbund erhalten hatte. Das entsprechende Foto gibt es übrigens auch noch.

Als ich erklärte, wozu das Teil gedacht war, entspannte sich die Lage merklich. Die Gesichter wurden freundlicher, die Anspannung ließ nach. Offenbar hatte die ungewöhnliche Kombination meiner technischen Ausrüstung den Verdacht aufkommen lassen, ich könnte etwas ziemlich Unangenehmes im Schilde führen.

Eine regelrechte Überlagerung an technischem Equipment – so könnte man das wohl nennen.

Damit war die Sache allerdings noch nicht ganz erledigt. Auch ein besonderer Drogentest gehörte zum Programm. Und meine Maschine, die auf dem Weg nach Riga war, wurde nach meiner Erinnerung ebenfalls telefonisch über den vermeintlich gefährlichen Mitreisenden informiert.

Da stand ich nun. Gut vorbereitet, online eingecheckt und mit sauber sortierten Ladekabeln – und trotzdem fast wie ein Sicherheitsrisiko auf zwei Beinen behandelt.

Ich stellte mir schon vor, dass ich an Bord womöglich unter besonderer Beobachtung stehen würde. Vielleicht würde mich sogar jemand begleiten. Man weiß ja nie, was einem so alles blüht, wenn man mit zu viel Technik verreist.

Und das alles nur, weil ich in Riga und Saulkrasti mein altes Liegerad besuchen wollte!

Wenn das kein standesgemäßer Auftakt für eine Reise ist, die eigentlich der Erholung dienen sollte.

Urlaub vom Alltag – in Riga

Zwischen Liegeradleidenschaft, bewegender Geschichte und baltischem Charme

Manchmal braucht es gar keine große Radreise, um neue Eindrücke zu sammeln. Manchmal reicht es, zwei Vorhaben miteinander zu verbinden und sich ein paar Tage Zeit zu nehmen. Diesmal führte uns der Weg nach Riga, in die Hauptstadt Lettlands.

Eigentlich begann alles mit einer Einladung zur Goldenen Hochzeit nach Berlin. Da wir also ohnehin in die Hauptstadt reisen mussten, lag der Gedanke nahe, den Besuch mit einer Reise ins Baltikum zu verbinden. Riga war von Berlin aus schließlich deutlich näher als von unserem Zuhause in der Grafschaft Bentheim.

Allerdings hatten wir einige Wünsche, die wir unter einen Hut bringen mussten. Ich wollte mein altes Liegerad im Museum von Saulkrasti besuchen, die Firma Specbiketechnik kennenlernen und mir die jüdischen Gedenkstätten in Riga ansehen über die ich regelmäßig bei einer Themenradtour des ADFC berichte. Dazu sollte genügend Zeit bleiben, die historische Altstadt in aller Ruhe zu entdecken. Außerdem wollten wir den Ostsee-Kurort Jurmala und ein Freilichtmuseum im Wald besuchen.

Ein strammes Programm? Vielleicht. Aber wir hatten ja nicht vor, alles mit dem Fahrrad an einem Tag abzufahren.

Von Berlin nach Riga

Mit der Bahn reisten wir zunächst nach Berlin, wo unsere Kinder und Enkelkinder zu Hause sind. Am nächsten Tag ging es mit Air Baltic weiter nach Riga.

Am Flughafen wartete Alexandr auf uns. Er ist mein Liegeradhändler und brachte uns direkt zu unserem Hotel mitten in der Altstadt von Riga. Ein schöner Empfang, der uns gleich die Ankunft erleichterte.

Von unserem Hotel aus wollten wir Riga zu Fuß erkunden. Rückblickend war das eine ausgezeichnete Entscheidung. Die Altstadt lag praktisch vor unserer Haustür. Wir konnten allein losziehen, an einer geführten Tour teilnehmen oder uns von unserem lettischen Freund und Vertreter der Firma Specbiketechnik die Stadt zeigen lassen.

So blieb genügend Raum für spontane Entdeckungen. Und wir mussten nicht ständig auf die Uhr schauen. Das war schließlich Urlaub und keine Rallye mit vorgeschriebenen Zwischenzeiten.

Ein Wiedersehen mit meinem alten Liegerad

Ein besonderer Punkt auf meiner Wunschliste war das Museum in Saulkrasti. Dort befindet sich mein altes Liegerad, das inzwischen Teil der Sammlung geworden ist.

Der Museumsbesitzer Janis hatte es bereits im Eingangsbereich platziert. Ich fand es also sofort. Und natürlich konnte ich nicht einfach danebenstehen und es betrachten. Ich setzte mich erst einmal drauf – ganz so, wie ich es von früher gewohnt war.

Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn ein Fahrrad, mit dem man einmal unterwegs war, plötzlich in einem Museum steht. Für andere Besucher ist es vielleicht ein interessantes Ausstellungsstück. Für mich hängen daran Erinnerungen und ein Stück meiner eigenen Fahrradgeschichte.

Man könnte sagen: Mein Liegerad hat inzwischen den Sprung vom Straßenverkehr in die Kulturgeschichte geschafft. Ich selbst bin zum Glück noch nicht so weit.

Wie entsteht eigentlich ein Liegerad?

Auch der Besuch bei Specbiketechnik war für mich mehr als ein gewöhnlicher Firmenbesuch. Schließlich interessieren mich Liegeräder nicht nur als Fortbewegungsmittel. Ich möchte auch wissen, was dahintersteckt.

Es ist spannend zu sehen, wie ein Liegerad entsteht. Wer glaubt, dabei würden lediglich ein paar fertige Teile zusammengeschraubt, unterschätzt den Aufwand gewaltig. In den einzelnen Komponenten steckt jede Menge Entwicklungsarbeit. Es geht um eigene Ideen, technische Lösungen und immer wieder um Innovationen.

Alexandr zeigte mir schmunzelnd verschiedene Einzelteile. Ich betrachtete sie aufmerksam und brauchte manchmal eine ganze Weile, bis mir klar wurde, was ich da eigentlich vor mir hatte. Einige Details kamen mir schließlich bekannt vor.

Das ist das Schöne an solchen Begegnungen: Man kennt sich mit Fahrrädern aus, hat selbst viele Kilometer zurückgelegt und glaubt, schon einiges gesehen zu haben. Dann schaut man hinter die Kulissen und stellt fest, dass es noch eine Menge zu entdecken gibt.

Für mich als langjährigen Liegeradfahrer war das jedenfalls ein spannender Einblick. Und natürlich kann man auch im Urlaub über Fahrräder reden. Manche Dinge lassen sich eben nicht einfach zu Hause lassen.

Riga: schön, lebendig und voller Geschichte

Die historische Altstadt von Riga ließen wir ohne Zeitdruck auf uns wirken. Wir konnten durch die alten Gassen bummeln, die Architektur betrachten und uns immer wieder vom Jugendstil begeistern lassen.

Riga besitzt einen ganz eigenen baltischen Charme. Es gibt viel zu entdecken, aber man muss nicht ständig von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzen. Manchmal genügt es, stehen zu bleiben, nach oben zu schauen und die Fassaden auf sich wirken zu lassen.

Dazwischen legten wir Pausen in gemütlichen Kaffeestuben und Kneipen ein. Auch das gehört für mich zu einer Städtereise: nicht nur etwas anzusehen, sondern einen Ort ein wenig auf sich wirken zu lassen.

Wir hatten Zeit für geführte Besichtigungen und für eigene Wege. Dadurch lernten wir Riga aus unterschiedlichen Perspektiven kennen. Die Stadt zeigte uns ihre schönen Seiten, aber auch ihre schwierigen und dunklen Kapitel.

Die dunkle Seite unserer Geschichte

Ein wichtiger Teil unserer Reise waren die jüdischen Gedenkstätten in Riga. Wir besuchten das Holocaust-Museum, das Gelände des ehemaligen Rigaer Ghettos, weitere Gedenkorte, die heutige Synagoge und die Gedenkstätte an der verbrannten Synagoge.

Die Zeit reichte kaum aus, um all das aufzunehmen und zu verarbeiten, was wir dort über die Verbrechen der Nationalsozialisten erfuhren. Die Dimension dieser Gräueltaten lässt sich ohnehin nur schwer begreifen.

Besonders nahe ging mir, dass ich bei der Beschäftigung mit Riga immer wieder auf Geschichten von Familien aus der Grafschaft Bentheim stieß. Menschen aus unserer Heimat waren hierher verschleppt worden, hatten hier gelebt oder waren durch Riga gekommen, bevor sie in andere Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden.

Plötzlich ist das Geschehen nicht mehr nur ein Kapitel im Geschichtsbuch. Es bekommt Namen, Gesichter und einen Bezug zur eigenen Heimat.

Riga ist von uns aus gesehen nicht unerreichbar weit entfernt. Und doch liegen Welten zwischen unserer heutigen Lebenswirklichkeit und den damaligen Ereignissen. Die Gedenkstätten machten deutlich, wie wichtig es ist, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Nicht nur einmal im Leben und nicht nur dann, wenn ein Gedenktag im Kalender steht. Für mich erkannte ich Riga am Ende oder vorläufigen Ende vieler Geschichten von Menschen, deren Stolperstein ich in der Grafschaft Bentheim gesehen habe. Und es ist ein verbindendes Gefühl, wenn man auf Namen stößt, auf die man bereits in der heimatlichen Grafschaft gelesen hat, wenn man zu den Stolpersteinen hinabsieht.

Wir verließen diese Orte mit vielen Gedanken. Und mit dem Gefühl, dass die Zeit für diesen Teil unserer Reise eigentlich viel zu kurz gewesen war.

Ein Ausflug ans Meer und in die Vergangenheit

Neben der Altstadt und den Gedenkstätten wollten wir auch die Umgebung kennenlernen. Deshalb besuchten wir Jurmala, einen kleinen Ostsee-Kur- und Erholungsort, und ein Freilichtmuseum im Wald.

Solche Ausflüge sind eine gute Ergänzung zu einer Städtereise. Sie zeigen eine andere Seite des Landes und schaffen Abstand zum Trubel der Stadt und der schrecklichen Erinnerungen an den Holocaust. Auch hier gab es Neues zu entdecken, ohne dass wir dafür ein umfangreiches Tagesprogramm brauchten.

Was bleibt von Riga?

Im Nachhinein war es ein toller Urlaub. Wir hatten persönliche Begegnungen, konnten meinem alten Liegerad einen Besuch abstatten, erhielten Einblicke in die Entwicklung moderner Liegeräder und entdeckten eine wunderschöne Stadt.

Gleichzeitig hat uns die Auseinandersetzung mit der Geschichte bewegt. Diese unterschiedlichen Eindrücke stehen nicht im Widerspruch zueinander. Sie gehören zu einer Reise, die mehr war als eine Sammlung von Sehenswürdigkeiten.

Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten des Reisens: Man kommt mit bestimmten Vorstellungen an und nimmt am Ende mehr mit nach Hause, als man vorher auf der Liste hatte.

Diesmal war es kein Urlaub auf dem Liegerad. Keine langen Etappen, keine vollgepackten Taschen und kein abendliches Suchen nach einem geeigneten Übernachtungsplatz.

Stattdessen: Riga zu Fuß, Begegnungen mit Menschen, alte Erinnerungen auf zwei Rädern und neue Einblicke in ein Land, dessen Geschichte uns auch ganz persönlich berührt.

Manchmal tut es eben gut, den Alltag für ein paar Tage hinter sich zu lassen. Und manchmal stellt man dabei fest, dass man auch ohne viele Fahrradkilometer eine Menge erleben kann.

Der Strohhalm, mit dem ich mich an die Lebensfreude klammere, ist augenblicklich das bycycle. ARTHUR SCHNITZLER 

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