„Versuchs mal mit Gemütlichkeit“

„Versuchs mal mit Gemütlichkeit“

ADFC Tour – diesmal ohne Teilnehmer

Manchmal muss es gar nicht die große Tagestour mit 80 Kilometern sein. Manchmal reichen schon ein paar Stunden auf dem Rad, um den Kopf freizubekommen. Ohne Zeitdruck. Ohne den Blick ständig auf den Tacho zu richten. Einfach losfahren, tief durchatmen und die Landschaft genießen.

Genau deshalb gibt es beim ADFC Grafschaft Bentheim seit inzwischen über zehn Jahren eine besondere Radtour im Programm. Einmal im Monat heißt es ganz bewusst: weniger Kilometer, etwas gemächlicheres Tempo und vor allem jede Menge Zeit zum Schauen, Erzählen und Genießen. Und sie heißt immer gleich: „Versuchs mal mit Gemütlichkeit“.

Es ist erstaunlich, wie viele Teilnehmer gerade diese Touren lieben. Nicht jeder möchte sportliche Bestleistungen erzielen. Manche fahren mit dem E-Bike, andere mit einem Dreirad, wieder andere sind einfach froh, wenn sie eine entspannte Runde in netter Gesellschaft erleben können. Und genau dafür sind diese Touren gedacht.

Heute Morgen habe ich eine dieser Strecken noch einmal unter die Räder genommen. Fast dieselbe Route wie bei unserer letzten gemeinsamen Tour. Diesmal allerdings allein – und mit meinem Liegerad. Nicht, weil ich kontrollieren wollte, ob die Strecke noch da ist. Sondern weil sie einfach so schön ist, dass man sie problemlos ein zweites, drittes oder viertes Mal fahren kann.

Das Schöne daran: Jeder kann sie ganz unkompliziert nachfahren.

Dank unseres Knotenpunktsystems braucht man keine komplizierten Karten oder Navigationsgeräte. Einfach von Knotenpunkt zu Knotenpunkt rollen und unterwegs entscheiden, worauf man gerade Lust hat. Soll es heute etwas kürzer werden? Kein Problem. Ist das Wetter herrlich und die Beine fühlen sich gut an? Dann hängt man einfach noch eine Schleife dran. Flexibler kann Radfahren kaum sein.

Und genau das macht für mich den Reiz aus. Es gibt unterwegs keinen Termindruck. Niemand wartet an der nächsten Kreuzung ungeduldig. Jeder findet seinen eigenen Rhythmus.

Schon nach kurzer Zeit wird es angenehm ruhig. Der Alltagslärm verschwindet fast vollständig. Statt Motorengeräuschen hört man plötzlich wieder Vögel, den Wind in den Bäumen oder das leise Surren der Reifen auf dem Asphalt.

Solche Momente sind unbezahlbar. „Versuchs mal mit Gemütlichkeit“

Die Landschaft zeigt sich hier noch von ihrer ursprünglichen Seite. Kleine Wege, viel Grün, Wiesen, Felder und immer wieder herrliche Ausblicke. Man ertappt sich dabei, automatisch langsamer zu fahren. Nicht weil man müsste – sondern weil man einfach nichts verpassen möchte.

Irgendwann taucht dann das „Kloster St. Nicolaasstichting“ bei Denekamp auf.

Jedes Mal denke ich: Was für ein besonderer Ort.

Ganz gleich, ob man religiös ist oder nicht – hier spürt man eine Ruhe, die ansteckend wirkt. Wer ein paar Minuten Zeit mitbringt, sollte ruhig einmal von seinem Fahrrad steigen und einen kurzen Blick in die Kapelle werfen. Es kostet nur wenige Minuten, schenkt aber oft deutlich mehr Gelassenheit, als man erwartet hätte.

Danach führt die Strecke durch eine wunderschöne Allee weiter in Richtung Denekamp. Allein dieser Abschnitt ist die Tour schon wert. Im Sommer spenden die alten Bäume angenehmen Schatten, und selbst an warmen Tagen fährt es sich hier ausgesprochen entspannt.

Von dort geht es anschließend fast wie von selbst am Nordhorn-Almelo-Kanal entlang zurück.

Ich glaube, ich werde nie müde, an diesem Kanal entlangzufahren. Kilometerlang begleitet einen das Wasser. Links und rechts wechseln sich Bäume, Wiesen und kleine Brücken ab. Die Strecke ist hervorragend zu fahren, angenehm schattig und führt einen beinahe ohne Unterbrechung wieder direkt bis ins Zentrum von Nordhorn.

Mehr Radfahrkomfort geht eigentlich kaum.

Während unserer letzten ADFC-Tour haben wir unterwegs noch einen kleinen zusätzlichen Halt eingelegt. Direkt am ehemaligen Grenzübergang.

Viele fahren dort einfach vorbei.

Dabei erzählen die dort aufgestellten Bilder eine spannende Geschichte. Sie erinnern an eine Zeit, in der die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden eben nicht nur eine Linie auf der Karte war. Damals standen hier tatsächlich noch Grenzbäume, Zollhäuser und richtige Zöllner. Wer ins Nachbarland wollte, musste anhalten, Papiere vorzeigen und manchmal sogar den Kofferraum öffnen.

Heute fährt man mit dem Fahrrad fast unbemerkt über die Grenze. Ein paar Pedalumdrehungen – und schon befindet man sich im Nachbarland. Dass das einmal ganz anders war, können sich viele jüngere Radfahrer kaum noch vorstellen.

Hast Du Dir diese Bilder am Grenzübergang eigentlich schon einmal in Ruhe angesehen? Falls nicht, dann nimm Dir beim nächsten Mal einfach ein paar Minuten Zeit. Es lohnt sich. Solche kleinen Geschichten machen eine Radtour oft erst richtig lebendig. Vielleicht ist genau das das Geheimnis dieser gemütlichen Touren.

Es geht nicht darum, möglichst viele Kilometer zu sammeln oder Durchschnittsgeschwindigkeiten zu vergleichen. Es geht darum, unterwegs Dinge zu entdecken, an denen man sonst achtlos vorbeifahren würde. Einen Eisvogel am Kanal. Eine alte Hofeinfahrt. Eine Bank mit schöner Aussicht. Oder eben ein Stück Grenzgeschichte.

Radfahren entschleunigt …

Der Film auf YouTube: https://youtube.com/shorts/BXnDwLipWV4?si=fI5W8hwkeGiARbbN

Und manchmal genügen schon wenige Stunden, um den Tag zu einem Erlebnis zu machen.

Also mein Tipp für das nächste Wochenende: Schnapp Dir Dein Fahrrad. Ganz egal, ob klassisches Tourenrad, E-Bike, Liegerad oder Dreirad. Such Dir die Knotenpunkte heraus und fahr einfach los: In Deinem Tempo, mit vielen kleinen Pausen. Und ohne schlechtes Gewissen, wenn der Tacho am Ende weniger Kilometer zeigt als sonst. Denn manchmal sind genau diese gemütlichen Touren die schönsten. Oder, um es mit Balu aus dem Dschungelbuch zu sagen: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit.“

Ich wünsche Dir viel Freude auf dieser Strecke. Vielleicht begegnen wir uns ja unterwegs…

„Radfahren ist Meditation in Bewegung“ (Bert van Radau)


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