ADFC Grafschaft Bentheim seit 30 Jahren
Im Dezember 1995 gründete sich der ADFC Grafschaft Bentheim. Damals besaß das Fahrrad in unserer Region längst nicht die Bedeutung, die es heute hat. Im Alltag dominierte das Auto, Radfahren war für viele eher Freizeitvergnügen als selbstverständliches Verkehrsmittel. Wer täglich mit dem Rad zur Arbeit oder zur Schule fuhr, gehörte damals eher zur exotischen Minderheit.
– wie alles begann und warum wir noch lange nicht fertig sind
Schon in den ersten Monaten nach der Gründung wurde klar: Der ADFC wollte nicht nur reden, sondern handeln. Eine der ersten großen Forderungen war die Mitnahme von Fahrrädern in Bahn und Bus, nachdem 1974 der öffentliche Personennahverkehr der Bentheimer Eisenbahn beendet wurde und lediglich noch ein Busverkehr aufrechterhalten wurde und die Fahrradmitnahme nicht wirklich möglich war.
1600 Unterschriften – nicht online sondern im direkten Gespräch
Für uns heute fast selbstverständlich – damals ein kleines Politikum. Der ADFC sammelte in der gesamten Grafschaft mehr als 1600 Unterschriften und übergab sie den Verantwortlichen. Das war kein symbolischer Akt, sondern ein klares Signal: Die Menschen wollen ihr Fahrrad mitnehmen können. Sie wollen flexibel sein. Sie wollen Mobilität, die nicht am Bahnhof endet. Nach längerer Zeit wurde dann in der Grafschaft der sogenannte Fietsenbus installiert.

Fast zeitgleich informierten die ADFC-Aktiven die Politiker in der Grafschaft über ein damals noch recht neues Instrument: die Fahrradstraße. In Nordhorn fiel diese Idee auf fruchtbaren Boden, insbesondere bei der Ratsfrau Büsing-Stark von den „Grünen“ . Bereits 1997 wurde – direkt beim Landkreis Grafschaft Bentheim – die erste Fahrradstraße eröffnet. Damit gehörte die Grafschaft zu den Vorreitern in der Region. Heute gibt es allein in Nordhorn acht Fahrradstraßen.

Ein echter Erfolg. Und trotzdem: Noch immer gibt es viele Mitbürger, die weder die Bedeutung noch die Regeln einer Fahrradstraße wirklich verstanden haben. Dass selbst nach fast 30 Jahren Aufklärung noch viel zu tun ist, zeigte mir vor einiger Zeit eine kleine, fast schon tragikomische Begebenheit. Überschrift:
„Ohhhh – wie peinlich!“
Zweimal im Jahr fahre ich mit Radfahr-Anfängern eine ausgesuchte Strecke durch Nordhorn. Die Teilnehmer haben zuvor einen einwöchigen Kurs bei einer ADFC-Radfahrlehrerin absolviert und bewegen sich an diesem Tag zum ersten Mal im öffentlichen Straßenverkehr. Alle tragen Helm und eine gelbe Signalweste. Sicherheit geht vor – und ein bisschen Nervosität gehört immer dazu.
Vor Beginn der Tour erkläre ich die wichtigsten Grundregeln: etwas Abstand halten, damit man rechtzeitig bremsen oder ausweichen kann, und heute auch nicht nebeneinander fahren! Die Gruppe bestand heute aus fünf frisch ausgebildeten Radfahrerinnen, begleitet von der Radfahr-Lehrerin und einer weiteren ADFC-Person zur Absicherung.
An diesem Tag waren wir fast am Ende der gut eineinhalbstündigen Tour. Wir befuhren die „Schulstraße“ in Nordhorn. Ortskundige und Autofahrer, die Schilder lesen können, wissen: Das ist eine von mehreren Fahrradstraße innerhalb von Nordhorn, die für den motorisierten Verkehr nur für Anlieger freigegeben ist.
Ich fuhr vorneweg. Hinter mir die fünf Teilnehmerinnen, dahinter die beiden ADFC-Begleitpersonen. Plötzlich kam von hinten der Hinweis: „Auto nähert sich.“ Ein übliches Procedere bei ADFC-Gruppenfahrten, um die Teilnehmer zu warnen.
Der Fahrer hatte ein auswärtiges Kennzeichen, stellte ich später fest.
Zunächst überholte er nicht. Dann beschleunigte er deutlich mit aufheulendem Motor, fuhr an der Gruppe vorbei, verlangsamte neben mir das Tempo und ließ das Beifahrerfenster herunter. Ich hielt an, um zu hören, was er wollte.
Sein Ton war vorwurfsvoll. Was ich mir eigentlich denke, mit so einer Gruppe ein Hindernis für ihn darzustellen.
… ich reagierte angespannt
Ich atmete kurz durch. Dann erklärte ich etwas sehr angespannt: „Wir befinden uns hier auf einer Fahrradstraße. Sie dürfen hier nur als Anlieger fahren. Und Radfahrer haben hier Vorrang und Sie als Autofahrer sind hier nur Gast“.
Ich spürte, daß ich aufgrund der Verantwortung für die Gruppe recht heftig reagierte!
Stille. Ein kurzer Blick auf das Schild. Dann war ein gestresstes schnaufen zu hören und der Fahrer brauste hochtourig und mit zu hohem Tempo weiter.“
Ohhhh – wie peinlich. Für ihn.




Aber auch ein wenig für uns als Gesellschaft. Denn diese Szene zeigt: Infrastruktur allein reicht nicht. Schilder allein reichen nicht. Man kann acht Fahrradstraßen bauen – wenn die Menschen nicht wissen, was sie bedeuten, verpufft ein Teil der Wirkung.
Wir brauchen den ADFC
Genau deshalb braucht es den ADFC Grafschaft Bentheim. Nicht nur als Mahner in der Verkehrspolitik, sondern auch als Übersetzer. Als Erklärer. Als Brückenbauer zwischen Verwaltung, Politik und Alltag.
In den vergangenen 30 Jahren ist in der Grafschaft – auch Dank von einigen Politikern und der Verwaltung- enorm viel passiert. Nordhorn ist ein Begriff für ausgezeichnete Ergebnisse bei den Fahrradklimatests und für einen hohen Modal Split von rund 40 % geworden, Emlichheim und Schüttorf wurden als fahrradfreundliche Kommunen ausgezeichnet. Die Grafschaft ist heute ein Begriff im Fahrradtourismus. Radverkehrskonzepte entstehen in allen Kommunen der Grafschaft. Die Verwaltung greift regelmäßig auf die Beteiligung der ADFC-Aktiven zurück. Über 275 Mitglieder engagieren sich im ADFC in der Grafschaft inzwischen für bessere Bedingungen. Es gibt Tourenleiter, zertifizierte ADFC-Tourguides, ein Kodier-Team gegen Fahrraddiebstahl und mehr als 60 geführte Touren mit tausenden von Teilnehmern pro Jahr.
Und doch zeigt jede Begegnung wie die in der Schulstraße: Wir sind noch nicht fertig.
Die Verkehrswende ist kein Zustand, den man erreicht und dann abhakt. Sie ist ein Prozess. Ein Lernweg – für Radfahrende, für Autofahrende, für Verwaltungen, für Politiker. Und manchmal auch eine kleine Lektion in Demut, wenn man merkt, dass etwas, was für uns selbstverständlich ist, für andere noch völlig neu ist.
Der ADFC Grafschaft Bentheim ist seit 30 Jahren Teil dieses Lernprozesses. Mit Geduld. Hartnäckigkeit und Humor. Und mit der festen Überzeugung, dass eine Region lebenswerter wird, wenn mehr Menschen sicher und gern mit dem Fahrrad unterwegs sind. Das ist für mich #Lebensqualität.
Die Szene in der Fahrradstraße war kein Rückschlag. Sie war eine Erinnerung: Es lohnt sich weiterzumachen. Denn jedes „Oh… das wusste ich nicht“ ist auch eine Chance.
Adam Opel (Gründer der Firma Opel, 1837-1895)
„Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad.“